Einspruch von Börsenverein und Kurt Wolff Stiftung

"Kein Sendeschluss für Bücher!"

26. Januar 2021
von Börsenblatt

Der Börsenverein und die Kurt Wolff Stiftung reagieren entsetzt auf die geplante Einstellung von Literatursendungen im WDR.

Karin Schmidt-Friderichs

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) hat angekündigt, dass ab 1. März 2021 auf dem Kultursender WDR 3 unter der Woche alle festen Programmplätze für Literaturkritik wegfallen. Betroffen sind neben der Buchrezension, die täglich in der Sendung „Mosaik“ ihren festen Platz hatte, das Mosaik Samstagsgespräch mit Kulturschaffenden sowie die Sendungen „Das Lesezeichen“ und „Das Gedicht“.

„Die Entscheidung des WDR, die sich einreiht in immer mehr Streichungen von Kultur- und Literaturprogrammen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ist ein verheerendes Zeichen für die Buchbranche, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Es darf keinen Sendeschluss für Bücher geben! Wir appellieren an den WDR, seinem gesetzlichen Auftrag einer kulturellen Grundversorgung nachzukommen und attraktive Formate für eine Literaturberichterstattung zu schaffen, anstatt inhaltlichen Kahlschlag zu betreiben“, kritisiert Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.

„Nicht erst während der Coronakrise hat sich gezeigt, wie wichtig Bücher für die Menschen sind: Sie vermitteln Wissen, regen Debatten an, geben Halt und Orientierung. Die Buchbranche bringt mit großem Engagement Bücher zu den Menschen. Die Menschen brauchen unbedingt das öffentliche Gespräch über Literatur, um Anregung und Orientierung zu finden – und das zählt zum genuinen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, so Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins.

2020 hatte WDR bereits den „Literaturmarathon“ auf WDR 5 aus dem Programm gestrichen, erinnert der Branchenverband. Zuvor entschied der Norddeutsche Rundfunk im Mai 2020, die Literatursendung „Bücherjournal“ einzustellen. Öffentlich-rechtliche Sendeplätze für Buchthemen seien in den vergangenen Jahren auch durch die Streichungen anderer ARD-Anstalten wie dem BR Fernsehen („Lesezeichen“, „Lido“, „Südlicht“, „Gottschalk liest“) und dem SWR Fernsehen („Lesenswert Sachbuch“) verloren gegangen.

„All das ist ein unerhörter Skandal. Auch wenn bekannt ist, dass in den Sendern gespart werden muss, so kann es nicht angehen, dass unter diesen Sparmaßnahmen immer und vor allem die Kultur leidet, und in besonderem Maße die Literatur“, kritisiert auch die Kurt Wolff Stiftung in einem Offenen Brief. Die Bibliodiversität sei bereits seit Jahren bedroht durch immer stärkere Konzentrationsbewegungen im stationären wie im Online-Handel. „Dass nun aber der Literatur gewissermaßen ihre Existenzberechtigung entzogen wird – von Sendeanstalten mit verfassungsrechtlich verankertem Bildungs- und Kulturauftrag – ist nicht hinnehmbar!“, unterstreicht die Stiftung. „In ihren Festtagsreden betonen Intendantinnen und Intendanten immer wieder, wie sehr ihnen an kultureller Vielfalt gelegen ist und wie sehr sie für eine offene, demokratisch verfasste Gesellschaft einstehen, die sich ihrer selbst bewusst ist. Wir fordern, dass sie endlich danach handeln und folglich der Literatur jenen Platz einräumen, der ihr gebührt.“

Update vom 27.01.2021, 11:34 Uhr - PEN protestiert

„Der Rückgang der Lesekultur wird inzwischen vielfach beklagt. Diesen Trend nicht nur zu stoppen, sondern Leselust zu wecken, ist eine wichtige Aufgabe für die öffentlich-rechtlichen Sender. Ich bitte den WDR, zu erklären, wie er diesen Verlust an Kultur ausgleichen wird“, forderte PEN-Generalsekretär Heinrich Peuckmann in einem Protestbrief.