Zeitzeugin

Ruth Klüger ist tot

7. Oktober 2020
von Börsenblatt

In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober ist die Autorin Ruth Klüger ("weiter leben") nach langer Krankheit im Alter von 88 Jahren in Irvine gestorben.

Ruth Klüger

Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 in Wien geboren. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie nach Theresienstadt und in die Konzentrationslager Auschwitz und Groß-Rosen verschleppt. Kurz vor Kriegsende 1945 gelang ihr die Flucht und sie emigrierte in die USA. Sie studierte Bibliothekswissenschaften und Germanistik, wurde Professorin in Princeton und an der University of California in Irvine, war Herausgeberin von "German Quarterly".

Mit 60 Jahren erst hatte sie als amerikanische Gastprofessorin in Göttingen nach einem Unfall im Krankenhaus zu schreiben begonnen: Ihr Buch "weiter leben", 1992 bei Wallstein erschienen und mehr als 300.000 mal verkauft, war richtungsweisend für die Literatur zur Shoah. Darin berichtet sie nicht nur über ihre Erlebnisse während des Nationalsozialismus, sondern reflektiert die Auswirkungen des Erlebten auf die Entwicklung eines Menschen.

2016 hatte Klüger am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) im Deutschen Bundestag gesprochen: "Dieses Land, das vor 80 Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war, hat heute den Beifall der Welt gewonnen, dank seiner geöffneten Grenzen und der Großherzigkeit, mit der Sie die Flut von syrischen und anderen Flüchtlingen aufgenommen haben und noch aufnehmen. Ich bin eine von den vielen Außenstehenden, die von Verwunderung zu Bewunderung übergegangen sind."

Auch der Zsolnay Verlag in Wien trauert um Ruth Klüger: "Selten begegnet man Menschen, die eine solche Ausstrahlung haben wie Ruth Klüger. Was sie in ihrem Leben erfahren hat, wie sie mit diesen Erfahrungen umgegangen ist und was sie daraus gemacht hat, das ist außerordentlich. Sie gekannt zu haben, mit ihr diskutieren und arbeiten zu dürfen, war ein Privileg. Ab und zu fuhr sie mit Freunden nach Las Vegas, um zu spielen. Sie plante, à la Dostojewski einen Spieler-Roman zu schreiben. Es ist so schade, dass sie ihn nicht mehr beenden konnte", sagt Zsolnay-Verlagsleiter Herbert Ohrlinger.