Offener Brief der AutorInnen

„Wir sterben einen leisen Tod“

27. November 2020
von Börsenblatt

Dieser Brief dürfte dem bayerischen Landeschef Markus Söder nicht schmecken: Es ist ein dramatischer Hilferuf von Autorinnen und Autorinnen, „die nicht wissen, wie sie die Miete bezahlen sollen“. Unter ihnen: Prominente Persönlichkeiten und Bestseller-AutorInnen. 

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Börsenblatt Online veröffentlicht den Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder, sehr geehrte bayerische Politikerinnen und Politiker,

diesen offenen Brief senden wir als lauten Hilferuf an die bayerische Landespolitik. Die Lage der AutorInnen und anderer Künstler ist prekär. Die Unterzeichnenden möchten sich solidarisch zeigen mit jenen, nicht wenigen Künstlern, die nicht mehr wissen, wie sie zu Monatsende noch ihre Miete bezahlen sollen. Seit Mitte März gab es kaum bis gar keine Lesungen oder Auftritte, von denen die meisten AutorInnen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Neue Lesungen werden nicht mehr terminiert. Selbst mit Beendigung des Lockdowns konnten nicht wie gewohnt, Veranstaltungen durchgeführt werden, denn die meisten Veranstalter (wie z.B. Buchhandlungen) sahen und sehen sich nicht in der Lage, personell und finanziell die neuen Auflagen mit geringeren Zuschauer-/Zuhörerzahlen zu stemmen, auch sie müssen jetzt mit jedem Cent rechnen. Absagen bis Mitte des nächsten Jahres sind keine Einzelfälle. Auch Buchprojekte wurden und werden verschoben, somit fallen im Moment vielen Soloselbständigen Einnahmen für fast ein ganzes Jahr weg. Ebenso sinken die Buch-Verkäufe für das Gros der AutorInnen, da die Buchhandlungen weniger Bücher und deswegen sehr bestsellergetrieben einkaufen, so dass die großen Autoren aus dem Inland, aber auch eben größtenteils jene aus dem Ausland ihre Verkäufe stärken können, während eine Vielzahl der deutschen Autoren kaum noch die Chance bekommt, mit ihren Büchern in den Buchhandlungen präsentiert zu werden. Wir AutorInnen, die oft genug „Soloselbständige“ im eigentlichen Wort sind, wurden mit Beginn der Hilfsprogramme völlig allein gelassen. Da die meisten AutorInnen keine Betriebskosten (Miete eines Büros, Angestellte o.ä.) haben, konnte diese Hilfe auch nicht in Anspruch genommen werden und wurde z.B. bei der Soforthilfe abgelehnt. Letztendlich stand vielen nur das ALG II zur Verfügung. Auch wenn der Zugang erleichtert wurde, bleibt einigen auch dieses Geld verwehrt. Manche haben (kleine) Rücklagen oder eine Altersvorsorge getroffen, die selbstredend eingerechnet werden. Doch diese sind eben, wie der Name schon sagt: Altersvorsorge und bei den meisten der absolute Notgroschen. Die Hilfe in Bayern sah für die Soloselbständigen bis dato eine einmalige Hilfe von maximal 3.000 € vor, für die wir uns bedanken. Doch diese Unterstützung ist für viele nur ein Bruchteil dessen, was an Honoraren seit März diesen Jahres weggefallen ist und auch noch in den nächsten Monaten wegfallen wird. Und nun, Herr Ministerpräsident? Die so genannte „Novemberhilfe“ des Bundes ist mittlerweile abrufbar, allerdings - wenn alles so klappt wie versprochen -, für viele ein Tropfen auf den heißen Stein. … und genaue Maßgaben für eine „Dezemberhilfe“ stehen noch aus. Hierbei sollten Sie, Herr Ministerpräsident Dr. Söder, uns bayerische Soloselbständige maßgeblich unterstützen, damit eine lebendige Kultur in allen Sparten erhalten bleiben kann! In Bayern versprachen Sie am 27.10., der Kunst 360 Millionen zur Verfügung zu stellen. Diese zusätzliche Hilfe der bayerischen Landesregierung brauchen wir bayerische AutorInnen dringend und zügig! Wir bitten Sie darum, diese Unterstützung schnellstmöglich zur Verfügung zu stellen! Im Moment finden sich für uns auf dieser Seite diverse Maßnahmen https://www.stmwk.bayern.de/allgemein/meldung/6579/neue-hilfsprogramme-…- kulturschaffende-in-bayern.html So unter Punkt 1: 1. Ein völlig neues Solo-Selbständigen-Programm für Künstlerinnen und Künstler zum Ersatz des Unternehmerlohns (...) Die Empfänger erhalten für den Zeitraum ab Oktober 2020 eine Finanzhilfe als Ersatz des entfallenden Unternehmerlohns von bis zu 1.180 Euro monatlich, die mit der derzeitigen, bis Ende des Jahres laufenden Überbrückungshilfe des Bundes kumulierbar ist. Das Solo- Selbständigen-Programm umfasst ein Gesamtvolumen von 37,5 Mio. Euro für das Jahr 2020.—> Bis dato jedoch findet sich kein Hinweis darauf, ab WANN und WO wir diese Finanzhilfe unkompliziert abrufen können! ... und unter Punkt 2: 2. Einführung eines neuen Stipendienprogramms zur Unterstützung von Künstlerinnen und Künstlern beim Einstieg in die professionelle Laufbahn Um Künstlerinnen und Künstler in der Anfangsphase ihrer professionellen Laufbahn trotz der derzeit widrigen Bedingungen den notwendigen Freiraum zur Realisierung von Projekten, aber auch für ihre künstlerische Entfaltung und Weiterentwicklung zu verschaffen, bietet die Staatsregierung ab dem 1. Januar 2021 5.000 Stipendien in Höhe von jeweils 5.000 Euro (25 Mio.) an. —> Doch warum nur für KünstlerInnen beim Einstieg in die professionelle Laufbahn? Gerade AutorInnen, die bereits (und das zum größten Teil sehr mühsam und grenzwertig) ihren Lebensunterhalt mit der Schriftstellerei verdienen, brauchen jetzt Hilfe! NRW z.B. konnte neben der Soforthilfe im Frühjahr zugleich auch ein Stipendien-Programm, das so genannte NRW-Stärkungspaket „Kunst und Kultur“, von über 105 Millionen (15.000 Stipendien à 7.000 €) auf die Beine stellen, damit KünstlerInnen aller Sparten ihre Arbeit trotz der weiterhin notwendigen Einschränkungen durch die Corona-Epidemie fortsetzen konnten. Einige andere Bundesländer erkennen bei der Soforthilfe für Soloselbständige an, dass auch ein Unternehmerlohn und nicht nur betriebliche Fixkosten angerechnet werden dürfen oder schaffen Überbrückungsstipendien. Auch unser Nachbarland Österreich stand ihren AutorInnen unkompliziert und schnell zu Seite. Finanzielle Hilfen wie z.B. Ausfallhonorare standen dort innerhalb von Tagen zur Verfügung. Dazu war eines der reichsten Bundesländer wie Bayern nicht in der Lage. Herr Ministerpräsident, warum nicht? Wir rufen Sie und die verantwortlichen PolitikerInnen Bayerns auf, unbürokratisch und sofort, Unterstützung für Soloselbständige wie AutorInnen zu gewährleisten - AutorInnen sterben gerade einen leisen Tod!

Die Unterzeichnenden sind nur die ersten AutorInnen, weitere Unterschriften werden gesammelt.

Beste Grüße, Dr. Stefanie Gregg Angela Eßer

Unterzeichnende:

  • Friedrich Ani
  • Max Bronski
  • Christine Grän
  • Iny Lorentz
  • Oliver Pötzsch
  • Carlos Collado-Seidel
  • Su Turhan
  • Arved Vogel
  • Heidi Rehn
  • Tom Hillenbrand
  • Wulf Dorn
  • Hanni Münzer
  • Moses Wolff
  • Franz Dobler
  • Beatrix Mannel
  • Roland Spranger
  • Titus Müller
  • Bernhard Jaumann
  • Micaela Jary/Michelle Marly
  • Christof Weigold
  • Elke Pistor
  • Thomas Kastura
  • Friederike Schmöe
  • Dr. Lutz Kreutzer
  • Martin Arz
  • Burkhard P. Bierschenk
  • Lisa Graf-Riemann
  • Thea Lehmann
  • Leonhard Michael Seidl
  • Manuela Obermeier
  • Lotte Kinskofer
  • Dr. Barbara Knab
  • Anne-Marie Rusk
  • Carmen Mayer
  • Iris Leister
  • Werner Diefenthal
  • Ina May
  • Gabriele Schweickhardt
  • Kim Schneider
  • Wilfried Strohmeyer
  • Dr. Birgit Constant
  • Katharina Gerwens
  • Martina Schmid
  • Dr. Sonja Ulrike Klug
  • Jürgen Ehlers
  • Uwe Kullnick
  • Johanna Bauer
  • Elisabeth Löhmann
  • Horst Engel
  • Horst Kloever
  • Rolf G. Müller
  • Rosalinde Wanner
  • Barbara Krohn
  • Laura Gambrinus
  • Gianna Sybertz
  • Anja Lehmann
  • Wolfgang Kemmer
  • Tommie Görz
  • Carola Christiansen
  • Corinna Rössling
  • Helmut Haberkamm
  • Christina Zieger
  • Nicole Neubauer
  • Markus Flexeder
  • Stephanie Walser
  • Michael Rossié
  • Gisela Seidl-Resnikschek / LiLo Seidl
  • Christine Ziegler
  • Michael Gerwien
  • Elmar Tannert
  • Veit Bronnemeyer

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