"Wie wollen wir leben?" (2)

"Eine Befreiung des Wohnens"

22. Januar 2021
von Börsenblatt

Nach den Erfahrungen der vergangenen Monate ist die Frage "Wie wollen wir leben?" drängender denn je. Welche Denkanstöße dazu in den Frühjahrsnovitäten zu finden sind, zeigen wir in einer Folge, die auch Anregung für einen Büchertisch sein kann. Die heutige Antwort kommt von Architekturkritiker Klaus Englert (Reclam).

Architekturkritiker Klaus Englert

Architekturkritiker Klaus Englert

Die Antwort stammt aus Klaus Englerts Buch "Wie wir wohnen werden", das am 15. Februar bei Reclam erscheint.

 

Als Walter Benjamin im Juni 1931 mit seinem Freund Bertolt Brecht in Le Lavandou an der Côte d’Azur die Sommerfrische genoss, kamen die beiden beiläufig auf das Wohnen, Benjamins »Lieblingsgegenstand«, zu sprechen. Im Gespräch entwickelten sie die Idee des »mitahmenden« Wohnens, das Benjamin mit den Worten skizzierte: »Das ist ein Wohnen, das seine Umgebung ›gestaltet‹, sie passend, gefügig und gefügt anordnet; eine Welt, in der der Wohnende auf seine Weise zu Hause ist.«

Das Wohnen ist heute nicht mehr ein Sich-Einkapseln in einem Wohninnenraum, denn es setzt die bewusste Frage voraus »Wie will ich wohnen?« Der Wohnende sieht sein Tun nicht losgelöst, sondern als Teil einer Umwelt, die er durch sein Wohnen mitgestaltet. Wenn es aus diesem Grunde ökologisch ist, dann nicht, weil es ursächlich durch ein oikos – das Heim, die Heimat – bestimmt ist, sondern weil es durch die Umwelt geprägt ist. Das macht den Unterschied zwischen dem traditionellen Höhlen- und dem modernen Nestbewohner aus. Nur der Letztere gestaltet die Welt, damit er »auf seine Weise zu Hause ist«. Auch weiß nur er genau, dass die Beschaffenheit seines Nestes abhängig ist von den klimatischen Bedingungen. Wer also heute sein Nest lieber auf dem Wasser errichtet, wird genau wissen, welche Umwelteinflüsse gegen ein weiteres Leben auf der Erde sprechen. Im anderen Fall macht er sich vielleicht Gedanken darüber, wie man sein Haus am besten gestalten kann, um es gegen extreme Hitzeperioden, auf die wir uns einstellen müssen, zu wappnen. Oder wie es sich bauen und unterhalten lässt, ohne die Umwelt zu belasten. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese »äußeren« Faktoren schon heute – und mehr noch in der Zukunft – dauerhaft zu unserem Leben dazugehören, ob wir es wollen oder nicht.

Der Nestbewohner streckt seine Fühler aber auch zu den Mitbewohnern im engen oder weiteren Umfeld aus, insofern er sich fragt, was ein Wohnen jenseits der traditionellen Kleinfamilie interessant und spannend macht. Dabei wird er als zoon politikon – als soziales Wesen – sicherlich neue soziale Wohnformen entdecken, Wohnformen in neuen sozialen Gemeinschaften, in einer neuen sozialen Ökologie. Selbstverständlich ist auch das »mitahmendes« Wohnen. Weil sich der Nestbewohner nun auf seiner innerlichen Entdeckungstour vom dauerhaften Höhlendasein und dem Zeitalter der »Immobilie« befreit hat, denkt er vielleicht auch daran, wie er die Wohnung am besten seiner mobilen Daseinsform anpassen kann bzw. ob eine leichte und bewegliche Wohnstatt nicht die geeignetste ist.

Diese Fragen treiben den Wohnenden um, der in post-agrarischen und post-industriellen Gesellschaften lebt. Zuvor hatte ein dauerhaftes Hintergrundrauschen seinen Daseinsvollzug begleitet, gepaart mit einer größeren Vorhersehbarkeit der Wohnformen und einer stärkeren Sesshaftigkeit. Heute hingegen gilt es, die innere auf die äußere Mobilität abzustimmen und das Wohnen als Teil einer umfassenden Bewegung zu begreifen. Das wäre, anders als man es befürchten würde, keine neue Abhängigkeit, sondern eine »Befreiung des Wohnens« unter veränderten globalen Bedingungen.