Exklusiv im Börsenblatt

Elena Ferrante: "Ich schreibe sehr viel um"

29. August 2020
von Börsenblatt

Schriftstellerin Elena Ferrante hat sich Fragen von Buchhändlern und Übersetzern gestellt. Zum Auftakt geht es um die Arbeit am Text, Freundschaften und Liebe - und die Fragen kommen aus den USA, Rumänien und Spanien.

Fassade in der Via Forio in Neapel: Vorbild für die Kulissen des Films "Meine geniale Freundin"

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"Gefährlich ist ein Lektorat, wenn ..."

Ann Goldstein, Übersetzerin für Europa Editions, New York: Wie arbeiten Sie? Korrigieren Sie viel, und was? Glauben Sie, sich selbst gut lektorieren zu können? Ändern Sie häufig Wörter oder Ausdrucksweisen?

Elena Ferrante: Für mich entscheidend ist, von nichts ausgehend zu einem gedrängt vollen, chaotischen Entwurf zu gelangen. Die Arbeit an diesem Entwurf ist zermürbend. Es kostet mich viel Kraft, einen Text mit einem Anfang, einem Ende und einer eigenen, starken Lebendigkeit zu erhalten. Das ist eine langsame Annäherung, wie die Observierung einer Lebensform ohne klar umrissene Gestalt. Manchmal kann ich direkt drauflosschreiben, sogar ohne nochmalige Durchsicht, doch das ist selten. Viel öfter komme ich jeden Tag nur ein paar Zeilen voran, die ich schreibe und wieder umschreibe. Häufig verliere ich irgendwann die Lust und lege alles beiseite. Aber diesen oft erlittenen Fall will ich hier weglassen. Stattdessen möchte ich Ihnen sagen, liebe Ann, dass für mich das wahre Schreibvergnügen erst beginnt, wenn diese vorbereitenden Anstrengungen zu einem guten Resultat geführt haben. Dann beginne ich wieder von vorn. Ich streiche ganze Abschnitte, schreibe sehr viel um, ändere die Richtung und sogar das Wesen der Figuren, füge Teile hinzu, die mir erst jetzt, da es einen Text gibt, in den Sinn kommen und mir notwendig erscheinen, forme knapp skizzierte Episoden aus, verschiebe Ereignisse an einen anderen Platz, rette sehr oft verworfene Seiten und längere erste Versionen, die vielleicht hässlicher, doch auch spontaner sind. Diese Arbeit mache ich allein, ich würde sie mit niemandem teilen wollen. Doch irgendwann brauche ich aufmerksame Leser, die allerdings nur auf meine Flüchtigkeitsfehler achten sollen: eine falsche Chronologie, Wiederholungen, unverständliche Formulierungen. Dagegen fürchte ich mich vor Ratschlägen, die den Text standardisieren wollen, in der Art wie: So sagt man das nicht, die Zeichensetzung ist mangelhaft, dieses Wort gibt es nicht, das ist eine unpassende Formulierung, diese Lösung ist unsympathisch, so ist es schöner. Schöner? Gefährlich ist ein Lektorat, wenn es über die Einhaltung der herrschenden ästhetischen Maßstäbe wacht. Und ein Lektorat, das Abweichungen von der Regel unterstützt, solange sie mit dem üblichen Geschmack vereinbar sind, ist auch nicht besser. Wenn ein Verleger sagt: Dein Text enthält gute Passagen, aber wir müssen noch daran arbeiten, zieht man sein Manuskript besser zurück. Diese erste Person Plural ist beunruhigend.  

"Gegenseitiges Streben nach Anpassung"

Ioana Zenaida Rotariu, Buchhändlerin, Libăria Șt. O. Iosif, Brașov, Rumänien: Wie sehr verändern uns Ihrer Meinung nach die Freundschaften unseres Lebens?

Elena Ferrante: Eine Freundin verändert uns nicht, aber in einem stetigen, gegenseitigen Streben nach Anpassung gehen ihre Veränderungen unauffällig mit unseren einher.

"Ich ziehe einen Geliebten vor, der zu großer Freundschaft fähig ist"

Lola Larumbe, Buchhändlerin, Librería Rafael Alberti, Madrid, Spanien: Viele Ihrer Romanfiguren schlagen sich mit Liebe und Freundschaft herum. Wen hätten Sie gern für immer an Ihrer Seite: einen Freund oder einen Geliebten?

Elena Ferrante: Ich ziehe einen Geliebten vor, der zu großer Freundschaft fähig ist. Diese Mischung ist in jungen Jahren schwer zu verstehen, aber mit zunehmender Reife und etwas Glück setzt sie sich allmählich durch. Es hat mir immer sehr gefallen, in alten Liebesbriefen Formulierungen wie "mein Freund", "mein Freundin" zu finden. Und auch die Anrede "Schwester", die in den Ritterromanen vorkommt und sich über Jahrhunderte gehalten hat, schien mir nie ein Zeichen für nachlassende Leidenschaft zu sein – im Gegenteil.

Elena Ferrante im Börsenblatt

Das Börsenblatt veröffentlicht zum Start von Ferrantes neuem Roman "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" ab heute fünf Tage lang eine Auswahl von Fragen und Ferrantes Antworten. Morgen wird die Schriftstellerin unter anderem die Frage einer Berliner Buchhändlerin beantworten.